Basisgemeinden Österreich

Von unseren Geschwistern aus Genf

In einer neuen Serie wird hier etwas ausführlich von anderen europäischen Basisgemeinden berichtet. Der Anfang wird mit einem Ausflug zu unseren Geschwistern aus Genf und Umgebung gemacht.

1973 beschlossen Christen:innen aus Genf, die erste christliche Basisgemeinde (CDB - communauté chrétienne de base) der Schweiz zu gründen, denn sie wollten eine geschwisterliche Kirche sein und gemeinsames Leben und Feiern etwas innovativer gestalten. Es gibt noch fünf aktive CDB in der Romandie. Vor zwei Jahren wollten diese Gemeinden ihr 50 Jahre Jubiläum mit Freude über den zurückgelegten Weg feiern und es wurde in der Tat am 22. September 2023 ausgiebig gefeiert.

Im Mittelpunkt stehen gemeinsames Feiern und Geschwisterlichkeit

Die Geschichte der Schweizer Basisgemeinden beginnt 1973 in Chêne (Bild oben zeigt einige Gemeindemitglieder), am linken Ufer des Genfer Sees. Unter der Leitung von Abbé Edmond Gschwend wagen sich etwa zwanzig Paare mit ihren Kindern die Gründung einer ersten Basisgemeinde. In dieser Gemeinde wollten sie innovatives kirchliches Leben ausprobieren, ihren Glauben vertiefen und andere Erwachsene als auch ihre eigenen Kinder davon begeistern. Einmal im Monat bereiteten Christen:innen mit ihren Geistlichen gemeinsam eine Feier vor, deren Schwerpunkte in einem neuen vertieften Hören des Wortes, im Austausch darüber als auch im gemeinsamen Gebet und in der Feier der Eucharistie lagen.

Diese Begegnungen mündeten in ein gemeinsames Essen, denn das Ziel aller war es auch, untereinander Freundschaften und Solidarität aufzubauen, die sich in schwierigen Zeiten, etwa in Krisen und Trauerfällen als sehr wertvoll erweisen. Basisgemeinde-sein heißt auch Leben miteinander teilen. „In diesem Sinne hatte Edmond die Basisgruppen gegründet, kleinere Gruppen innerhalb der Gemeinde, die noch immer aktiv sind. Die Gruppenmitglieder treffen sich zum persönlicheren Glaubensaustausch, unterstützen sich gegenseitig, manchmal auch in finanzieller Hinsicht», berichtet Pastorin Anne-Lise Nerfin, seit 45 Jahren Mitglied der CDB von Chêne.

Ein breiteres Engagement

Der Wind des Zweiten Vatikanischen Konzils belebt das Engagement neu. Drei Jahre später zählt die CDB von Chêne rund hundert Mitglieder, und die Gruppe teilt sich aus Gründen der besseren Überschaubarkeit in zwei Gemeinden auf. So entsteht die CDB von Meyrin. 1980 gründen Mitglieder der Ökumenischen Theologie-Werkstatt die CDB von Écogia mit 35 Mitgliedern. Es folgen 1985 die CDB von Pont d'Arve, die sich um die Dritte-Welt-Kommission der katholischen Kirche bildet, und 1995 die ökumenische CDB von Nyon.

Für die neuen Genfer Gemeinden kam es jedoch nicht in Frage, sich mit einer bequemen, aber unfruchtbaren Selbstisolation zu begnügen. Ganz im Gegenteil! Sie schlossen sich der Bewegung des Aggiornamento an und sie zögerten nicht, vieles in der Kirche zu hinterfragen und konventionelles Denken darin herauszufordern.

Anne-Lise Nerfin
Anne-Lise Nerfin

Inspiriert auch von der Befreiungs-theologie, behalten sie „das Anliegen einer lebendigen Verbindung zwischen sozialer und christlicher Praxis“ im Blick, erklärt Anne-Lise Nerfin (Bild).

Darüber hinaus sind diese Basisgemeinden von einem ökumenischen Geist erfüllt, da einige Paare der CDB gemischtkonfessionell sind. „Die Begeisterung war groß. Wir dachten, wir würden noch zu Lebzeiten eine wiedervereinte Gesamtkirche erleben”, heißt es in der Erklärung der CDB Genf zu ihrem 50-jährigen Bestehen. Daher wurden 1978 das Pastorenehepaar Anne-Lise und Henri Nerfin in CDB Chêne willkommen geheißen.

In der Kirche und in der Welt

Ob gemeinsam oder durch individuelles Engagement in der Seelsorge und Diakonie – diese kleine Gemeinde hat viel dazu beigetragen, einen lebendigen und ökumenischen Glauben im Kanton zu bewahren. «Unter den Mitgliedern der Genfer CDB gab es immer Menschen, die sich sehr in ihrer Gemeinde engagierten, aber nach neuen Sichtweisen suchten, damit Menschen, die keine Verbindung mehr zur Kirche hatten, eine neue Heimat in einer CDB wiederfanden», erklärt die Pastorin.

Im Laufe der Zeit vernetzen diese Gemeinden ihre Aktivitäten mit anderen kirchlichen Organisationen, aber immer den eigenen theologischen Grundlagen treu. Zu nennen sind hier die Teilnahme an verschiedenen Synoden (Synode 72, AD 2000 und aktuelle Synode) und an großen ökumenischen Versammlungen wie «Chrétiens pour l’an 2000» (Christen für das Jahr 2000) oder dem 450. Jahrestag der Reformation.

Als ökumenische Gemeinschaft bereitet die CDB von Chêne gemeinsam mit der Klinikseelsorge Gottesdienste in den Universitätskliniken von Genf vor. Die Basisgemeinde ist auch Mitglied der Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter (ACAT) und einige Gemeindemitglieder haben mehrere Jahre in Folge gemeinsame Mahlzeiten mit unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden organisiert.

«Wir sind sowohl eine Gemeinde als auch ein Verein», sagt Anne-Lise Nerfin. «Wir sind Weggefährten, die sich frei entschieden haben, eine Gemeinde zu bilden, um gemeinsame Zeit zu teilen. Und als Verein, sind wir eine Schnittstelle zwischen Einzelpersonen und den größeren Strukturen, die in unserem Fall kirchliche Institutionen sind.»

Ökumene vor Ort

«Mein Mann Henri und ich waren von der Idee begeistert, Teil einer Gemeinde unserer Wahl zu sein», erzählt die Genfer Pastorin. „Die CDB von Chêne bot fast alle Aktivitäten einer Gemeinde an. Aber dort trafen wir Menschen, mit denen wir viel gemeinsam hatten, was Alter, Interessen und Vorstellungen von Ehe, Familie und Gemeindeleben betraf“ ... und die Einheit der Christen.

Die Nerfins äußern bald ihren Wunsch, den Dienst des Brotbrechens und des Wortes zu leiten. Für diese CDB beginnt nun eine lange Reflexion über den Sinn ihrer Feiern, über ihren gemeinsamen Glauben, insbesondere anhand des Dokuments der Groupe des Dombes „Taufe, Eucharistie, Amt“. Henri Nerfin feiert 1981 zum ersten Mal das Heilige Abendmahl in der CDB von Chêne. Kurze Zeit später wird der alternierender Wechsel „eine Messe, ein Gottesdienst” mit eucharistischer Gastfreundschaft eingeführt.

Anne-Lise Nerfin, die sich in der ökumenischen Seelsorge für Menschen mit besonderen Bedürfnissen engagiert, organisiert zusammen mit dem Jesuiten Raymond Bréchet ökumenische Konfirmationsfeiern, an denen sich die CDB von Chêne beteiligt. «Es war für uns eine Hoffnung, Katholiken und Reformierte, die Konfirmation unserer Jugendlichen gemeinsam feiern zu können.»

Gedanken über die Gottesdienste

Einige CDB in Genf haben keine Priester mehr, die ihrem Projekt angehören. Diese Entwicklung veranlasst die Teilnehmer:innen, sich grundlegende Fragen darüber zu stellen, wie sie ihre Gottesdienste, das Herzstück ihrer Existenz, gestalten sollen oder können.

In Meyrin hat die CDB seit dem Tod von Pater André Fol im Jahr 1998 keinen Zelebranten mehr. Nach langen Überlegungen haben sich die Teilnehmer:innen schließlich dafür entschieden, keine externen Geistlichen hinzuzuziehen und untereinander zu feiern. In Ecogia hat Pater Neree Zabsonre, ein afrikanischer Priester und Journalist der Alt-Katholischen Kirche (Union of Scranton), der in Genf studiert, Pater Joseph Hug ersetzt. In Chêne, wo es keinen ortsansässigen katholischen Priester mehr gibt, bevorzugt die Gemeinde Gottesdienste, die sich auf das Wort Gottes konzentrieren, manchmal mit dem Brotbrechen und dem Weinteilen, geleitet von Pastorin Nerfin.

Warum werden keine Priester von außen eingeladen, um die Messe zu feiern? „Das haben wir in Chêne gemacht, aber es ist nicht einfach, Priester zu finden. Und wenn sie verfügbar sind, können sie sich nicht unbedingt an unseren sehr partizipativen und kreativen Rahmen anpassen“, erklärt Anne-Lise Nerfin.

Die Gestaltung und Vorbereitung der Feier werden abwechselnd einer Gruppe übertragen, die die Bibeltexte und ein Thema zum Nachdenken auswählt und diese vorab an die übrigen Teilnehmer:innen schickt. „Die Texte werden während der Feier in kleinen Gruppen diskutiert, damit alle die Möglichkeit haben, sich dazu zu äußern, wie sich die Schrift in ihrem Leben auswirkt“, erklärt die Pastorin. „Wir sind überzeugt, dass Christus beim Teilen von Brot und Wein in der Gemeinschaft gegenwärtig ist und auch danach bei uns bleibt. Für uns ist es eine Möglichkeit zum Sich-erinnern und den ursprünglichen Glauben der Gesamtkirche zu teilen.“

Das Problem der Zukunftsfähigkeit

Heute stellt sich die Frage der zukünftigen Lebensfähigkeit auf allen Ebenen: bei den Mitgliedern und bei den Geistlichen, sowohl bei den Katholiken als auch bei den Protestanten. Anfangs kam die ganze Familie zu den Treffen. Aber die Kinder sind erwachsen geworden, und nur wenige von ihnen interessieren sich für die CDB. Zwar wurde 1989 die CDbéatitude ins Leben gerufen, die junge Eltern zusammenbrachte, die als Kinder den Religionsunterricht in der CDB von Chêne besucht hatten. Aber sie überlebte «den Zerfall des religiösen Gefüges unserer Zeit» nicht, wie es in der Mitteilung der CDB heißt, und hörte 2010 als Gemeinschaft auf zu existieren.

Die Mitglieder der CDB machen sich keine Illusionen über die Zukunft ihrer Projekte. «Es gab eine Zeit, in der wir uns sagten: ‚Der Letzte macht das Licht aus.‘ Wir wollen keine Lebenserhaltung um jeden Preis, aber auch keine Sterbehilfe!“, erklärt Anne-Lise Nerfin. „Unsere Mitglieder möchten weiterhin ihr christliches Leben in dieser Gemeinde teilen. Nach uns wird etwas Neues entstehen.“  Und übrigens, die Gemeinde von Korinth gibt es auch nicht mehr, aber ihr großer Beitrag für die Kirche bleibt.

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