Das Ignorieren der Frauen in der kirche ist menschengemacht
In einem Beitrag in "Christ in der Gegenwart" 12/2026, schreibt Annette Jantzen, dass niemand, die oder der Jesu Identität begreift und darauf reagiert, verschwiegen oder zum Schwiegen gebracht werden darf. Vor allem die Frauen nicht, denen Männer ohnehin gerne den Mund verbieten wollen.
Sie machte Jesus zum Christus
In Jesus von Nazaret findet die nachösterliche jesusgläubige Gemeinde ihren Messias, den Gesalbten Gottes, und versteht ihn in der Tradition der Hoffnungen auf einen Retter in königlicher Gestalt in der Linie Davids. Dafür muss sie allerdings die vielgestaltigen Messiasbilder der Zeitenwende-Zeit deutlich transformieren: Jesus befreit von Dämonen, nicht von den Römern, und seine Herrschaft wird erst in seiner Auferweckung offenbar, in endzeitlicher Perspektive.
Um Jesus als Messias und Sohn Gottes fassen zu können, werden andere ersttestamentarische Motive wie das Motiv des leidenden Gerechten oder des Menschensohns eingespeist, und andere Aspekte des Messias wie der Sieg über die Feinde und die Aufrichtung einer neuen königlichen Herrschaft in Israel werden abgeschliffen. Gesalbter, Christus, wird deswegen schnell zu einem Titel, der nur noch kleinere Schnittmengen mit den anderen Varianten frühjüdischer Messiaserwartungen hat.
Das ändert nichts daran, dass die Salbung ein eminent wichtiger Begriff für das Glaubensverständnis der frühen Gemeinde bleibt. Darum ist auch die Salbungsgeschichte in ihren verschiedenen Fassungen eine zentrale Szene, die in allen kanonischen Evangelien erzählt wird. Um Jesus als Messias und als leidenden Gerechten verstehen zu können, muss diese messianische Identität schon vor seinem Tod offenbar werden.
Diese Salbung überliefern alle vier Evangelien. Johannes verortet sie in Betanien und benennt als salbende Frau Maria von Betanien – er erinnert an sie im Kontext der Geschichte, wie Jesus, der Gottes Macht über den Tod offenbar macht, Lazarus aus seinem Grab herausruft. Diese Erinnerung ist im Verlauf des Evangeliums aber eine Vorwegnahme – von dieser Salbung erzählt das Johannesevangelium erst ein Kapitel später (vgl. Joh 12), und dann ist auch Lazarus dabei. Die umgekehrte Anordnung der Geschichten mag darauf verweisen, dass alle diese Geschichten auf ein gigantisches „Jetzt“ verweisen, in dem Vergangenheit und Zukunft, Zeitliches und Ewiges zusammenfallen.
Bei Matthäus und Markus bleibt die Frau namenlos – und gerade von dieser namenlosen Frau erzählen beide, dass Jesus über sie sagt: „Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat“ (Mk 14,9 par.) Sie ist eine Jedefrau – doch niemand, die oder der Jesu Identität begreift und darauf reagiert, darf verschwiegen oder zum Schwiegen gebracht werden. Vor allem die Frauen nicht, denen Männer ohnehin gerne den Mund verbieten wollen. Und tatsächlich begreift die Frau Jesu Sendung und Wesen, und damit auch seine akute Todesnähe, während die Männer im Kreis um Jesus noch keinen Begriff davon haben, weder von dem, was geschehen wird, noch davon, wie sie sich selber in dieser für sie noch so abstrakten Gefahr verhalten werden.
Nur Lukas erzählt bescheidener von dieser Szene: Bei ihm ist es eine Sünderin, die mit der Salbung den Menschen ehrt, von dem sie sich die Annahme erhoffen mag, die ihr bitter fehlt (vgl. Lk 7,36ff.). Aus der Verbindung von Maria von Betanien im Johannesevangelium und der Benennung als „Sünderin“ im Lukasevangelium wurde dann in der Christentumsgeschichte die Verleumdung der Maria aus Magdala als Prostituierte. Und die Salbung durch die Sünderin ist auch die einzige Variante dieser Geschichte, die im Laufe der Lesejahre notwendig an einem Sonntag gelesen wird (11. Sonntag im Lesejahr C).
Die Salbung von Betanien ist ein Werktagsevangelium (Montag der Karwoche), die Markus-Version kommt in der Passion am Palmsonntag im Jahr B zu Gehör, allerdings nur in der Langfassung – in der Kurzfassung kommen überhaupt keine Frauen mehr vor, auch nicht als Zeuginnen des Sterbens Jesu. Und die Matthäus-Fassung hat es nicht in die Perikopenauswahl geschafft. Eine magere Ausbeute für eine so wichtige Geschichte.

