Der eigenen Endlichkeit zustimmen
Viele Basisgemeinden in Europa haben in den letzten 2 Jahren ihr 50. Jahre Jubiläum gefeiert. Eine der größeren Sorgen dieser Gemeinden ist die Überalterung der Gemeindemitglieder:innen. Gedanken von Fulbert Steffensky ermutigen dazu, die Endlichkeit der eigenen Gemeinde als Chance zu begreifen.
Eine Vorbemerkung: Nur eine Gruppe, die ihrer eigenen Endlichkeit zugestimmt hat, ist dialogfähig. Die Grundgefahr religiöser Systeme ist, dass sie sich nicht endlich denken können. Sie sind immer in der Gefahr, sich selber Gottesprädikate zuzulegen: sie sind die allein seligmachenden, außerhalb von ihnen gibt es kein Heil, sie sind die Wahren, und außerhalb von ihnen ist nur Lüge und Abfall. Ihre Gefahr ist, die Welt zu säubern von den Andersheiten. Der Zwang zur Einstimmigkeit lässt sie nur schwer Fremdheiten denken und dulden.
Der Verlust der Endlichkeit ist der Verlust der Geschwisterlichkeit. Nur endliche Wesen sind geschwisterliche Wesen. Sich für einzigartig zu halten, heißt immer bereit sein zum Eliminieren. Die Anerkennung von Pluralität ist die Grundbedingung menschlicher Existenz, so ungefähr hat es Hannah Arendt formuliert.
Ich wünsche mir eine Kirche und religiöse Gruppen von radikaler Deutlichkeit, die ihre eigenen Traditionen, Geschichten und Lieder kennen und nicht verschweigen. Ich wünsche mir religiöse Gruppen mit Konturen. Zugleich wünsche ich mir eine Religion, die Gott unendlich sein lässt und auf ihre eigene Unendlichkeit verzichtet. Erst sie ist fähig zum Zwiegespräch.
Gott spricht in Dialekten. Im Talmud heißt es: „Die Sprache des einen und die Sprache des anderen ist die Sprache des lebendigen Gottes.“ Und der jüdische Philosoph Levinas: „Die Sprache Gottes ist eine mehrzahlige Sprache.“ Wenn ich also vom Protestantismus spreche, benenne ich nicht etwas, was dem Katholizismus fehlt. Ich betone nur Momente, die in diesem Dialekt des Christentums besonders tragend geworden sind. Ich glaube nicht an die Getrenntheit der Kirchen, und so leide ich nicht an ihr.

