Liturgie von gemeinde her denken

In der Kathedrale von Verona fand unter Leitung von Bischof Domenico Pompili am 25. April 2026 die Feier der Priesterweihe statt. Die ursprüngliche Baustruktur einer Wegekirche, „das Unterwegssein“, wurde hier nur vom Klerus vom Portal Richtung Altarraum in voller Länge in diesem alten Kirchengebäude allen anderen „vorgeführt“. Der Liturgiereform, die die „tätige Teilnahme der Gemeinde“ betont, entspricht diese Prozession nicht. Das ist ein Aufmarsch kirchlicher Macht. Kleriker und klerikal Denkende empfinden das wahrscheinlich anders.
Dazu passen die Predigtworte des Bischofs: „Heute seid ihr nicht dazu berufen, die Tür zu sein, sondern die Schwelle zu bewachen. Das ist ein grundlegender Unterschied: Die Tür ist Er, die Schwelle ist euch anvertraut. Wer eine Schwelle bewacht, bleibt dort, ohne sich etwas anzueignen, ohne jemandem den Weg zu versperren, wohl wissend, dass er nicht allein ist.“
Aufgrund dieser Erfahrung im Dom zu Verona möchte ich als Kirchenpädagogin auf die anfängliche Geschichte des Kirchenbaus hinweisen und was da „passierte“, dass auf einmal die feiernde „Gemeinde“ auseinander dividiert wurde.
Ausgehend von der Bibelstelle aus dem Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth, „… wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Kor 3,16), ist in den Gemeinden der ersten drei Jahrhunderte der Kirchenbau kein Thema. Der Sakralbau wurde sogar abgelehnt. Die frühchristlichen Gemeinden versammelten sich in Häusern, und feierten in Räumen, die auch anderen Zwecken dienten. Sie selbst sahen sich als der „Tempel Gottes“ und somit erübrigte sich die Frage nach einem religiösen Gebäude, als Ort der Versammlung, wo Mahl gehalten wurde.
Auch die immer wiederkehrenden Christenverfolgungen ließen die Entstehung christlicher Sakralbauten kaum zu. In diesen ersten Jahrhunderten hat sich das Christentum jedoch in seiner Struktur, wie dem Aufbau der Ämter, Bischöfe, Presbyter, Diakone als Beauftragte bei liturgischen Abläufen, etabliert.
Unter dem Begriff „Kirche“ verstand man früher nur die Gemeinschaft der Christen, „Ekklesia“ – die “Herausgerufene“, die sogenannte „Hauskirche“. Später wurde auch der Ort der Versammlung, also das Gebäude, als Kirche bezeichnet! Dieser innere Aufbau und einer gewachsenen Grundstruktur der Liturgie machte erst einen Kirchenbau möglich bzw. sinnvoll.
Der Sakralbau im Christentum
Ursprung der christlichen Kirchen sind nicht die klassischen Tempel, die Kultbauten der Antike, sondern die römischen Basiliken, ehemalige Mehrzweckräume, die auch als Markthalle, als Gerichts- und Begegnungsräume verwendet wurden. Wichtig war bei der sakralen christlichen Architektur die Ausrichtung, und zwar nach Osten, hin zur aufgehenden Sonne, einem Symbol Jesu Christi.
Die basilikalische Grundform des Kirchenbaus förderte in der christlichen Liturgie eine vom kaiserlichen Prozessionskult übernommene Feier. Dabei wurde die um den Tisch des Abendmahls versammelte Gemeinde immer mehr auseinander dividiert und der Mittelgang blieb langsam frei und dabei kam es zur Trennung von Klerus und „Volk“, von Frauen und Männern.
Der unter Konstantin und seinen Nachfolgern einsetzende Kirchenbau im Christentum hatte Folgen für die Religions- und Kulturgeschichte. Da der basilikale Kirchenbau, ab 312 unter Konstantin, unter anderem der Machtdemonstration des Kaisers diente, kommt die Kirche durch ihre Gebäudestruktur in den Einflussbereich imperialer Macht und übernimmt auch – im Gegensatz zu ihren Anfängen – Aufgaben, Dienste, die ihr das römische Imperium „überträgt“. Die Kirche als Sicherung der weltlichen Macht wird zum entscheidenden Motiv für den Kirchenbau in Größe und Gestalt als Repräsentationsbau.
Diese Entwicklung ist besser zu verstehen, wenn es uns klar wird, dass religiöse Handlungen die Kraft haben, Räume zu stiften, zu gestalten und umgekehrt, dass ein Kirchenbau die Liturgie beeinflussen kann!
Nach seinem Sieg über seinen Rivalen Maxentius hat Kaiser Konstantin, wie es für einen Sieger in der römischen Antike aus Dank üblich war, dem „christlichen“ Gott ein Gebäude errichtet, denn er schrieb diesen Sieg dem Beistand des „Gottes“ der Christen zu. Entstanden ist die „Lateranbasilika“ mit einem oktogonalen Baptisterium als achteckige Taufkapelle. Ihr Titel ist: „Mutter und Haupt aller Kirchen der Stadt Rom und des Erdkreises!“ Das Christentum wird somit in den öffentlichen Raum geholt. Der Kaiser entwickelte ein ganzes Kirchenbauprogramm, zuerst einmal für Rom.
In den ersten Jahren haben sich die Gläubigen in der christlichen Basilika wahrscheinlich – wie sie es von der Hauskirche gewöhnt waren – gemeinsam um eine Mitte für das Mahl versammelt. Langsam jedoch trat eine „neue“ Ordnung ein. Da die langgestreckte Basilika eine Prozession durch das Mittelschiff und den Einzug des Bischofs, der Presbyter, der Diakone, hierarchisch geordnet, begünstigte, wurde das Mittelschiff frei gehalten. So wurde die versammelte Gemeinde der Gläubigen bei der Feier an den Rand gedrückt. Dies entspricht nicht mehr der ursprünglichen egalitären Abendmahlform unter Gleichen.
Ja, die Gemeinde ist nicht nur in den sogenannten "Hochämtern" zu einer Randerscheinung geworden! Das ist der Fall, weil die Liturgie von der Wegekirche, dem Sakralbau abgeleitet wird und nicht umgekehrt. Die Liturgie gibt den Rahmen für ein "tätiges Miteinander" vor, der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprechend.
Beitrag von Hanni Jäggle.
Sie hat in April 2026 Bologna, Rimini, Modena, Ferrara, Parma und Verona besucht.
Bilder: Oben rechts: Kathedrale von Modena, Mitte: Dom von Verona, links unten: San Petronio in Bologna
Zum Thema empfehlen wir auch den Beitrag: "Vertieftes Verständnis von Partizipation" auf:
»Lisa Kühn an der TH Chur
