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Vergebung ermöglicht neue Beziehungen

Gedanken zu Matthäus 18,15-35

Drei Akteure helfen uns die Gedanken der vorigen Woche besser zu verstehen.

Petrus will diesmal besonders gut abschneiden und schlägt vor, dem Bruder bis zu siebenmal zu vergeben (V.21). Das ist mehr als doppelt so viel wie damals üblich und Petrus meint, damit liegt er auf der sicheren Seite. Die Sichtweise des Petrus mag großzügig ausschauen, aber sie bleibt berechnend und der vermeintliche "big spender" bleibt doch bei sich.

Dann haben wir den König im Gleichnis Jesu. Dieser König agiert aus einem schier unendlichen Vorrat an Güte und Zuwendung und "entlastet" den großverschuldeten Diener ganz (V.27).

Die Tragödie des unbarmherzigen Dieners ist jedoch, dass er zwar die Erleichterung über diese Entlastung aufnimmt, aber er kann nicht zulassen, dass die erfahrene Zuwendung/Vergebung sein Verhältnis zu anderen Menschen verändert (V.30). Er bleibt ein Gefangener seiner selbst.

Die Vergebung, die uns Gott schenkt, ist eine Einladung, in ein völlig neues Netzwerk von Beziehungen einzutreten. Vergebung ist das Brot, das Beziehungen nährt, heilt und lebendig erhält. 

Gedanken der vorigen Woche 

Die Gemeinde Jesu gründet in und ist ständig genährt von der Vergebung und der überfließenden Zuwendung Gottes. Jesus macht diese Zuwendung, Nähe und Vergebung des Vaters zum zentralen Inhalt seiner Sendung. Eine Jesusgemeinde, die diese zentrale Botschaft nicht lebt, ist nicht wert, Gemeinde Jesu genannt zu werden. Er versammelt und führt uns in die Familie des Vaters, denn wir sind seine Brüder und Schwestern. In Jesu Namen versammelt sein, heißt gemeinsam mit unseren Geschwistern unterwegs zu sein. 

Vergebung ist eine der radikalsten Möglichkeiten, wie wir die Menschlichkeit des anderen nähren können. Wenn jemand verletzt wird, oder einem Menschen Unrecht geschieht, ist der Rückzug die übliche menschliche Reaktion, das Verstärken der Mauern des eigenen Ichs. Dieses Verhalten ist ein klares Indiz dafür, die eigene Menschlichkeit als Besitz anzusehen, statt sie als Geschenk anzunehmen. Menschen, die nicht vergeben wollen, können den anderen nicht als Menschen sehen, als Teil von Gottes Werk, dem volle Menschlichkeit zukommt. Zu vergeben und vergeben zu werden bedeutet, vollwertige menschliche Handlung zu empfangen, von denen man es am wenigsten erwartet. Und als solches kann sie als Zeichen von Gottes Geschenk angenommen werden. Die Möglichkeiten der Vergebung zu leugnen, hieße zu sagen, dass es Menschen gibt, die man nicht braucht, weil sie einen verletzt haben oder weil sie sich weigern, einem die Hand zu reichen.

Die Bereitschaft zu vergeben ist eindeutig ein Zeichen für eine Menschlichkeit, die von Gott berührt ist—frei von Angst um Identität und Sicherheit, frei, sich dem anderen zuzuwenden, wie es Gott in Jesus Christus tut. Aber es kann auch sein, dass die Bereitschaft vergeben zu werden, nicht weniger ein Zeichen für eine von Gott berührte Menschlichkeit ist. Es geht darum, bereit zu sein anzuerkennen, dass ich ohne wiederhergestellte Beziehungen nicht wachsen oder gedeihen kann, selbst wenn das bedeutet, einzugestehen, dass ich versucht habe, dies zu vermeiden, und der Absonderung Raum gegeben habe. Wenn ich von demjenigen, den ich verletzt habe, vergeben werde, akzeptiere ich sowohl, dass ich eine Beziehung beschädigt habe, als auch, dass Veränderung möglich ist.  

Vergebung ist der Austausch des Brotes des Lebens und der Wahrheit; sie ist der Weg, auf dem diejenigen, die sich gegenseitig in ihrer Menschlichkeit verletzt und ihre Würde geleugnet haben, wieder in eine Beziehung gebracht werden, in der Menschen einander nähren und einander in der gegenseitigen Würde unterstützen.

Es ist eine grobe Verzerrung der Vergebung, sie als eine Art Machtanspruch über einen anderen zu sehen – jemandem gegenüber gönnerhaft oder herabsetzend zu benehmen. Wir sollten vielmehr über die außergewöhnlichen Worte in Hosea 11,8–9 über die Barmherzigkeit Gottes nachdenken: ‚Wie könnte ich dich aufgeben, Ephraim? ... denn ich bin Gott und nicht ein Sterblicher.‘ Vergeben heißt, an der „Ohnmacht“ Gottes teilhaben, der nicht von seiner eigenen Natur abweichen kann: nicht zu vergeben wäre für Gott eine Wunde im göttlichen Leben selbst. Nicht Macht, sondern die Ohnmacht des Gottes, dessen Natur Liebe ist, zeigt sich im Akt des Vergebens. Der/die in Christus verwurzelte Jünger:in teilt diese Ohnmacht, und je tiefer die Wurzeln gehen, desto weniger möglich ist es, nicht zu vergeben.

Gleichzeitig bedeutet Vergebung zu erfahren, dass ich ohne das Wort der Barmherzigkeit nicht leben kann; ich kann die Aufgabe, ich selbst zu sein, nicht abschließen ohne die Heilung dessen, was ich verletzt habe. Weder der Vergebende noch der Vergebene können eine Macht erlangen, die einfach die Vergangenheit leugnet und uns allein lässt, um der Zukunft zu begegnen: Beide haben erkannt, dass ihre Vergangenheit mit all ihren Schatten und Verletzungen nun das ist, was es zwingend macht, versöhnt zu sein, damit sie vollständiger voneinander und miteinander leben können.

Joe Debono

 

Letzte Bearbeitung: 12.09.2026, 06:52
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