Wie ist es mit Eignungstests in Österreich?

Seit dem Frühjahr 2025, als Reaktion auf die Missbrauchsstudie, führen die Schweizer Bischöfe gemeinsam mit forensischen Psychologen verpflichtende Psychotests für Priesteramtskandidaten sowie angehende Seelsorgerinnen und Seelsorger durch.

Österreichisches Seminaristentreffen | Foto C. Brunnthaler

Ziel der Tests ist es, Risikofaktoren beim kirchlichen Personal frühzeitig zu erkennen und auszuschließen. Analysiert werden unter anderem Auffälligkeiten in der sexuellen Entwicklung sowie in der Beziehungsfähigkeit. Die Schweizer Eignungsprüfung umfasst vier Schritte: einen psychologischen Test, ein kompetenzorientiertes Gespräch mit qualifizierten Evaluationsexperten, ein "forensisch-klinisches Gespräch zur Identifikation möglicher Risikofaktoren für den Seelsorgedienst" sowie ein abschließendes Gespräch mit einem kirchlichen Vertreter.

Nun sollen die Tests auch auf ausländische Seelsorgerinnen und Seelsorger in der Schweiz ausgeweitet werden. "Zudem wird das Monitoring auf Menschen ausgedehnt, die in ihrem Dienst Auffälligkeiten zeigen", erklärte Loppacher. Dies entspricht dem vor einem Jahr erlassenen Dekret. 

Die Basisgemeinden empfehlen die Ausweitung von solchen Eignungstests auch in Österreich. 


Priester als sakrale wesen?

Ist das Podest, auf das die katholische Kirche die Figur des Priesters stellt, eine Plattform für Missbrauch? Dies ist die Frage, die die französische Journalistin Christine Pedotti am 24. Januar 2026 in Freiburg (Schweiz) bei der Tagung „Wage das Wort“ stellte. 

Christine Pedotti, Journalistin und Mitbegründerin der
Conférence catholique des baptisé-e-s francophones (CCBF)

„Für uns war er wie Gott selbst,“ so lautet eine immer wiederkehrende Behauptung in den Berichten von Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester. Und man stellt Gott nicht an den Pranger. Ausgehend von dieser Beobachtung schrieb Christine Pedotti „Autopsie d’un système, pour en finir avec les abus dans l’Eglise“ (Albin Michel, 2025).  

Der Priester, ein „alter Christus?“
Viele sind davon überzeugt, dass die Strukturen der Kirche nicht nur das Handeln selbst, sondern auch das Schweigen begünstigen – sowohl der Opfer als auch der kirchlichen Autoritäten. Und beides, sowohl das Handeln als auch das Schweigen der kirchlichen Autoritäten haben diese Verbrechen ermöglicht und tun das auch heute noch. Das ist die Ansicht von Christine Pedotti. In ihrer Analyse hat sie insbesondere eine „Pathologie“ herausgearbeitet, die das Ausmaß der Krankheit erklärt: den sakralen Status des Priesters.

Der theologische Ausdruck alter Christus (ein anderer Christus), um den Priester zu bezeichnen, wurde erst in der Neuzeit gebräuchlich. Für Christine Pedotti handelt es sich hierbei um eine Form unrechtmäßiger Aneignung, die es dem Priester erlaubt, sich einen quasi-göttlichen Status zuzulegen.

Im Allgemeinen ist das Verhältnis zwischen einem Bischof und seinem Priester ambivalent. Welche hierarchische Ordnung spiegelt es wieder? Christine Pedotti merkt an, dass bei einer Priesterweihe der Priester aufgefordert wird, seine Hände in die des Bischofs zu legen, eine Geste, die im Mittelalter entstand und auf ein Treuesignal des Ritters zu seinem Lehnsherrn verweist. So sind Bischof und Priester in einer wechselseitigen Verpflichtung zur Loyalität, die problematisch werden kann, wenn es für den einen darum geht, den anderen anzuzeigen.

Priesterweihe im Fuldaer Dom

Christine Pedotti ist der Ansicht, dass im Zölibat etwas Bedeutendes geschieht. Sie zitiert einen Beitrag, der im Dezember 2025 in der Zeitung La Croix erschien, in dem ein Priester vorschlägt, nicht ‚viri probati‘ (verheiratete Männer, die sich innerhalb der Gemeinschaft engagieren) zu weihen, sondern viri ‚liberati‘, verheiratete Männer ab einem gewissen Alter, die aber bereit wären, sich „von den Bindungen der Ehe zu befreien“. Damit ist auch gemeint, dass diese viri liberati mit ihren jeweiligen Ehefrauen sexuell enthaltsam leben. Für Christine Pedotti ist dies ein Beweis für „etwas, das nirgends geschrieben steht“: die Vorstellung, dass der Priester seine Sexualität zugunsten des Heiligen opfern würde. Diese ‚opfernde‘ Dimension des Priestertums schafft somit eine Klasse von Männern ‚außerhalb der Norm‘, entsprechend der Etymologie des Wortes ‚heilig‘, das auf Absonderung verweist.

Daraus entsteht die „Versuchung“, sich vom Herrn „auserwählt“ oder „berufen“ zu fühlen. Diese „gehobene“ Berufungsgeschichte hat sich im Christentum erst spät entwickelt. „Früher nahm derjenige, der Priester werden wollte, einfach einen besonderen ‚Status‘ in der Gemeinde an. Heute fühlt man sich von Gott ‚berufen‘.“ Eine Geschichte, die für Christine Pedotti „gut und schön“ wirkt, aber gleichzeitig „eine unheilige Mischung für den Machtmissbrauch“ darstellt.

Warum ist uns (Basisgemeinden) dieser Bericht wichtig? Weil wir ein anderes Verständnis vom Priestersein haben. Dazu werden Worte aus der Predigt von Martin Jäggle zitiert, gehalten am 20. Juli 2025 in der Machstraße, 6 Tage nach dem Tod von Paul Weß.

"Paul war Priester, aber er hat dieses in der Kirche notwendige Amt anders verstanden und gelebt. Maßgeblich waren für ihn Jesu Worte nach Matthäus „Ihr alle aber seid Geschwister!“ In gläubigen geschwisterlichen (Basis-)Gemeinden sah er die Grund-Einheit von Kirche. Solche Gemeinden können zum vorrangigen Erfahrungsraum der Liebe Gottes werden und sind selbst Sakrament der Liebe Gottes. „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“

In überschaubaren Gemeinden von Gläubigen, die gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Liebe ermöglichen, werden die Menschen vorrangig einander Seelsorgerinnen und Seelsorger. Der Einsatz hauptamtlicher Seelsorger:innen müsste sich darauf richten, die Entstehung solcher Gemeinden anzuregen. Ohne in solchen Gemeinden zu leben, werden sie dazu nicht imstande sein. Paul sprach sogar von einem Vorrang des gemeinsamen und gegenseitigen Priestertums vor allem Amtlichen."


 

Fördern Bischöfe Einzelgänger?

Das Nein der päpstlichen Kommission zum Diakonat der Frauen ist kaum ein paar Wochen alt. Da hören wir schon die Nachricht, dass die Diözesen Österreichs die Möglichkeit berufsbegleitender Priesterausbildung für Männer im Beruf eröffnen. Die angesprochene Altersgruppe ist die zwischen 45 und 60 Jahre.

Richard Tatzreiter
Regens Richard Tatzreiter

Alles wird maßgeschneidert auf die individuellen Bedürfnisse dieser Männer. Sie sind wie Schüler, die keine öffentliche Schule besuchen, aber doch mit einer Schule zwecks Prüfungen angebunden sind. Die Ausbildung können sie auch online absolvieren. Diejenigen, die politische Ämter ausüben, müssen ihren Beruf aufgeben. Andere können den Beruf auch nach der Weihe behalten.  

Die Basisgemeinden sind nicht gegen die Verbindung von Priester und einem zivilen Beruf. Das ist aus unserer Sicht nicht per se ein Problem. Denken wir an einen Priester, der den Beruf des Briefträgers ausübt, oder an die Arbeiterpriester.

Wir sehen die Frage nach dem Leben in Gemeinschaft schon zentraler. Anscheinend werden diese Kandidaten am jahrelangen Leben in einem Priesterseminar vorbeigeschleust. Macht die Lebenserfahrung dieser Männer ein Leben in Gemeinschaft überflüssig? Das Priesterseminar soll in die Gemeinschaft der Priester sozialisieren, was ohne Mitleben nicht geht. Wenn die Interessenten dieser berufsbegleitenden Priesterausbildung Einzelgänger sind, was sehr wahrscheinlich ist, braucht es Leben in (christlicher) Gemeinschaft als Voraussetzung. Aber hier in diesem neuen Modell ist ein Leben in Gemeinschaft nicht vorgesehen. 

Dass Gemeinden jemand vorschlagen, ist in diesem Modell auch nicht vorgesehen. Sind vielleicht die Bischöfe der Meinung, dass Gemeinden nicht mehr so wichtig sind? Dass es genügt, wenn es die "Dienstleistung" Eucharistie gibt? Die Erfahrung, dass Priester ihr Leben mit anderen nicht teilen, mit anderen Priestern nicht und auch mit der Gemeinde vor Ort nicht, ruft nach anderen Lösungen, aber sicher nicht nach diesem neuen Modell.

Die Maxime für die Bischöfe Österreichs (vielleicht auch darüber hinaus) ist die volle Ausschöpfung der engen Möglichkeiten, die das katholische System erlaubt, unverheiratete Männer irgendwie zu Priestern zu verwandeln. Und das so schnell wie möglich. In anderen Worten gesagt: Die Bischöfe können/dürfen nicht alle viri probati weihen. Die katholische Kirche erlaubt nur das Weihen von viri probati minus Frau und auf diese Gruppe spitzt dieses "neue" Modell. 

Warum werden Gemeinden durch Ausbildungen nicht in ihrer geistlichen Lebensfähigkeit gefördert? Stattdessen wird hier eine Kirche für Einzelgänger gefördert.