Verantwortung ist gefragt

Eigentlich stammt der Kreuzweg aus den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Dass ein Kreuzweg im Stil des 19. Jahrhunderts aufgestellt wurde, ist irritierend genug. Dass so ein Kreuzweg nach der Shoah entstanden ist, wirkt noch viel irritierender. Dass all das nicht irritierend empfunden wird, ist milde gesagt, eine Katastrophe.
Die Darstellung
Unter dem Kreuz sind nicht nur die Mutter Jesu, Maria Magdalena, Johannes, der römische Hauptmann und Josef von Arimatäa zu sehen, sondern – ganz links und ganz rechts – auch Kirche und Synagoge, personifiziert als Frauen. Die Kirche steht vom Gekreuzigten aus gesehen rechts, also auf der guten Seite, mit einer Krone auf dem Kopf und einem Kelch in der Hand, den Blick auf den Leidenden gerichtet. Die Synagoge befindet sich hingegen von Jesus aus gesehen links, auf der schlechten Seite, mit heruntergefallener Krone, herunterfallenden Gesetzestafeln, gebrochenem Stab, einer Binde um die Augen und von Jesus weg, nach unten blickend.
Diese Darstellung vermittelt die klare Botschaft, dass die Kirche über die Synagoge triumphiert. Sie ist es, die Jesus in Treue dient und sein Blut im Kelch auffängt und in jeder Eucharistie trinkt, während die Synagoge Jesus nicht als Christus anerkennt und daher von der Kirche als verworfen dargestellt wird. Die Kreuzigung wird so zu einem antijüdischen Manifest, obwohl Jesus ganz und gar Jude war, geboren von einer jüdischen Mutter, beschnitten, gesetzeskundig, predigend in Synagogen, ein frommer Pilger zu den jüdischen Festen, gekreuzigt als «König der Juden».
Dozent Staubli weist auf das größte Ärgernis des Kreuzweges in Naters hin, dass dieser zu einem Zeitpunkt installiert wurde, als «Nostra aetate» bereits über fünfzehn Jahre lang in Kraft war. Dadurch ist er kein «unschuldiges» Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Am einfachsten wäre es, die beiden problematischen Figuren, Synagoge und Kirche, zu entfernen. Jene, denen die Figuren schon bisher nicht aufgefallen waren, würden auch ihre Entfernung nicht bemerken.
Der Walliser Bote hat den dortigen Pfarrer Jean-Pierre Brunner dazu befragt. Er sieht die Darstellung der gedemütigten Synagoge weniger problematisch und meint im Ernst, dass eigentlich Dozent Staubli derjenige ist, der Staub aufwirbelt, wo keiner ist.
Dozent Staubli ist ratlos und wir Basisgemeinden verstehen das. Diese Reaktion löst viele Fragen aus. Will Pfarrer Brunner von seiner Verantwortung als Theologe seiner Pfarre ablenken? Will er Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit fördern? Will er sagen, dass seine Schäfchen sich nicht so viele Gedanken machen und er sich als Hirte darüber nicht sorgt? Oder will er damit sagen, dass es nicht schlimm ist, Synagoge und Kirche zusammen mit dem gekreuzigten Juden Jesus so darzustellen?
Auch in Österreich sind uns judenfeindliche Darstellungen bekannt. In Kärnten bemühen sich Theologen Klaus Einspieler und Michael Kapeller seit Jahren beispielhaft zu diesem Thema.
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