Basisgemeinde Forum 2025
Die 65 Teilnehmer:innen des Basisgemeinde Forums am 9. November hatten gleich zu Beginn ein anregendes Gespräch zum Leben einer jungen Jüdin in Wien heute. Die Lebendigkeit und Vielfalt des jüdischen Gemeindelebens hat im guten Sinne überrascht.

Im Hauptreferat skizzierte Dr. Martin Steiner in 4 Hauptpunkten die Etappen des jüdisch-christlichen Dialogs nach der Shoah.
- Die Konferenz von Seelisberg (1947) Die Seelisberger Thesen
- Jüdische Perspektive auf Jesus – die Frage: Wer ist Jesus (Gruppenarbeit)
- Einblicke in die Anfänge des Christentums
- Perspektive auf das Judentum
Die Nachlese zum Basisgemeinde Forum enthält eine Zusammenfassung der Begegnung mit einer Likratina, die Predigtgedanken vom Vormittag des 9. Novembers, die Hauptpunkte des Referats und einige Fragmente aus der Gruppenarbeit.
Nachlese Basisgemeinde-Forum
Die heilende kraft gegen verdrängung
Das Basisgemeinde Forum endete mit dem ökumenischen Gottesdienst „Mechaye Hametim – Der die Toten auferweckt“ in der Wiener Ruprechtskirche. Die Linzer Theologin Isabella Guanzini hat diesem Gottesdienst die heilende Bedeutung des Gedenkens an das Grauen der Novemberpogrome hervorgehoben, "weil es der Verdrängung entgegentritt."

Das Gedenken an die Novemberpogrome von 1938 muss mehr sein als ein Innehalten. Isabella Guanzini forderte eine "gefährliche Erinnerung", die wachrüttelt, Empathie weckt und zur Veränderung aufruft.
Der ökumenische Gottesdienst zum 87. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 wurde von der Hochschulseelsorgerin Katharina Payk und vom P. Alois Riedlsperger SJ geleitet. Zu diesem Gottesdienst kamen zahlreiche Gläubige und Persönlichkeiten, unter ihnen Prof. Martin Jäggle vom jüdisch-christlichen Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Zum Abschluss der Gedenkfeier zogen die Teilnehmer:innen schweigend und mit brennenden Kerzen zum Mahnmal am Judenplatz.
Die heilende Kraft gegen die Verdrängung
Guanzini zufolge ist das Erinnern an das Grauen heilsam, da es der Verdrängung entgegenwirkt. "Was unausgesprochen bleibt, kehrt zurück", warnte die Theologin. Das Versagen früherer Generationen sei eine historische Verantwortung der jüngeren. Die Theologin erinnerte daran, dass der Glaube Jesu im Glauben Israels verwurzelt ist und das Verschweigen der jüdischen Identität Jesu zu einer Ablehnung und Ausgrenzung des Judentums und schließlich zum Antijudaismus geführt hat, der in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 seinen schrecklichen Ausdruck fand. Der Novemberpogrome zu gedenken bedeute, den Schrei Jesu als den Schrei eines Juden und der Leidenden wahrzunehmen und in den theologischen Diskurs einzuschreiben.
Guanzini erinnerte zugleich daran, "dass der Glaube Jesu im Glauben Israels verwurzelt ist, und dass die Kirche ohne diese Wurzel ihre eigene Wahrheit verliert". Die Schriftlesung des Gottesdienstes war der Psalm 22, den auch Jesus sterbend am Kreuz rezitierte. Der klagende Schrei Jesu am Kreuz "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" bezeuge wie ein Siegel seine jüdische Identität, ebenso wie seine unverbrüchliche und unvergessliche Verwurzelung im Volk Israel.
Doch gerade das, was nicht vergessen werden durfte - "das Judesein Jesu, seine und unsere Treue und Zugehörigkeit zu einer Bundesgemeinschaft, die Israel mit Gott hat" - wurde im Lauf von siebzehnhundert Jahren kirchlicher Lehre verschwiegen. Mit schlimmen Folgen. Diese Vergessenheit und dieses Zurücklassen haben sich im Lauf der Jahrhunderte in eine Ablehnung und zunehmende Ausgrenzung des Judentums verwandelt - bis hin zu einem aggressiven Antijudaismus, der die christlichen Theologien und Gemeinden prägte und seine unheimlichen Schatten bis heute wirft.