Tibhirine und wir
Der 8. Mai ist der liturgische Gedenktag der 19 Märtyrer von Algerien. Darunter sind auch die 7 Mönche aus Tibhirine. Zweifellos trug der unter der Regie von Xavier Beauvois entstandene, vielfach preisgekrönte dokumentarische Spielfilm „Von Menschen und Göttern“ (2010; Originaltitel: Des hommes et des dieux) dazu bei, das Schicksal der Mönche einem breiteren Publikum bekannt zu machen.
Das Faktum der Seligsprechung in Dezember 2018 besagt, dass es so etwas wie eine „Botschaft von Tibhirine“ an die Christenheit von heute gibt. „Tibhirine“ ist also drauf und dran, zu einem geprägten Begriff im Feld der christlichen Spiritualität zu werden.
Doch worin besteht die Spiritualität von Tibhirine? Wie lässt sich diese erheben? Besteht genügend zeitlicher Abstand zu den tragischen Ereignissen, um aus einer gewissen Distanz Konturen einer solchen Spiritualität auszumachen? Die Frage „Tibhirine und wir?“, könnte zur Frage werden, wie der Transfer einer Spiritualität von Tibhirine in ein christlich-kirchliches Umfeld gelingen könnte, das in mehrfacher Hinsicht (historisch, gesellschaftlich, politisch) gänzlich anders strukturiert ist.
Wir werden bis 21. Mai 2026, genau 30 Jahre nach der Bekanntwerdung ihrer Ermordung, einige markante Züge dieser Spiritualität beschreiben und hoffen darauf, dass unsere Leser diese "Einstimmungen" aufnehmen, ergänzen, weiterdenken und ins eigene Leben übersetzen.
Genau diese Erfahrung
Auf die Frage, was die katholische Kirche in Algerien auf weltkirchlicher Ebene einbringen kann, hat Kardinal Vesco nur eine Antwort: Es ist genau diese Erfahrung als absolute Minderheit – strukturell schwach und höchst vulnerabel – im Umgang mit Verlust und existenziellen Nöten, die die gegenwärtigen Debatten in der Kirche, auch unter Kardinälen, zu bereichern vermag.

Das Schicksal dieser Märtyrer:innen bewegt Christ:innen und Muslim:innen gleichermaßen, die gemeinsam das schwarze Jahrzehnt Algeriens durchlebt haben. Das einstige Trappistenkloster von Tibhirine wurde dank des Engagements der Gemeinschaft Chemin Neuf zu einem wichtigen Ort des Gedenkens und der Versöhnung, an dem alle Algerier:innen ihre Erinnerung an die Schrecken des Bürgerkriegs zur Sprache bringen können.
Kardinal Vesco erfasst die Wahrheit, die er im Tod der Brüder spürt, sehr treffend. Es ist nicht das Ergebnis einer Untersuchung – wer hat sie getötet? Wann? Wie? Die Wahrheit der Mönche von Tibhirine ist, dass sie einst bis zum Äußersten ihres Lebens gingen, aus Liebe.
Das Wasser Gottes verbindet
Zwischen dem Prior und einem muslimischen Freund entwickelte sich eine echte Verbundenheit, nachdem dieser ihn gebeten hatte, ihn das Beten zu lehren. Viele Jahre lang bestand ein reger spiritueller Austausch zwischen den beiden. Nachdem sie sich wegen anderweitiger Pflichten längere Zeit nicht treffen konnten, sagte der muslimische Freund: ‚Es wäre an der Zeit, noch einmal in unserem Brunnen zu graben.‘ Er spielte damit auf den Tiefgang ihrer Begegnungen an. Christian gab zurück: ‚Und was werden wir auf dem Grunde des Brunnens finden? Muslimisches oder christliches Wasser?‘ Dann traf ihn ein Blick, in dem eine Mischung aus Lächeln und Kummer mitschwang: ‚Stellst du dir noch diese Frage? Du weißt doch, auf dem Grunde dieses Brunnens finden wir das Wasser Gottes.‘
Schließlich bekräftigt Paul Desfarges, Erzbischof von Algiers von 2016 – 2021, in seiner Begrüßung zur Feier der Seligsprechung, den Katholik:innen in Algerien sei sehr daran gelegen, die Seligsprechung „gemeinsam mit vielen muslimischen Freunden“ zu feiern. Denn für viele Muslime seien die Märtyrer „Brüder und Schwestern, die sie anerkennen und mit Dankbarkeit ehren.“ Die spirituelle Freundschaft der Mönche von Tibhirine und der Muslime trägt also durch das "Geschenk ihres Lebens" ihre Früchte.
A-Dieu
„Und auch Du bist eingeschlossen, Freund meines letzten Augenblicks, der Du nicht weißt, was Du tust! Ja, auch für Dich will ich diesen Dank und dieses A-Dieu, das Du beabsichtigt hast. Dass es uns geschenkt sei, uns als glückliche Schächer im Paradies wiederzusehen, wenn es Gott, dem Vater von uns beiden, gefällt. Amen. Inch’Allah“
Der junge Christian und Mohammed. Ihm verdankt
Christian seine Berufung, Mönch in Algerien zu werden.
Gerade im letzten Absatz des Testaments sehen wir wie tief Christian in Jesus verwurzelt ist. Er äußert die Hoffnung, dass er die Gegenwart des Geistes haben werde, um für sich selbst und für andere um Vergebung zu bitten und „in aller Aufrichtigkeit dem zu verzeihen, der mich angreifen würde.“ Ohne Groll wendet er sich an seinen Mörder und nennt ihn erstaunlicherweise „meinen Freund des letzten Augenblicks“. Christian setzt fort, dass der Mörder „nicht wissen wird, was [er] tut“, segnet ihn mit einem „A-dieu“ (bis wir uns in der Gegenwart Gottes wiedersehen) und freut sich darauf, sich wieder als „glückliche Schächer“ im Himmel zu begegnen.
All diese Klarheit des Denkens klingt sehr in Einklang mit Texten und Bildern von der Kreuzigung Jesu. Sie spiegelt die Worte Jesu der Vergebung vom Kreuz wider – „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34) – und Jesu Versprechen an den reumütigen Schächer – „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).
Das Leben der Mönche als Geschenk
Wir feiern ihre radikale Entscheidung, aus Liebe zu bleiben und ihr Leben Gott und Algerien zu geben, zu lieben und zu dienen bis zum totalen Geschenk (Hingabe) ihrer selbst — ein Ausdruck der größten Liebe, wie Jesus sagt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Johannes 15,13). Ihr Tod ist kein sinnloses Ende, sondern ein Liebesakt, der bis zur letzten Konsequenz geführt wird und bereits etwas von der Auferstehung in sich trägt.
Im Christlichen ist es keine Niederlage, das eigene Leben zu geben, sondern eine Erfüllung. Christus selbst zeigt im österlichen Geheimnis, dass Liebe, wenn sie bis zum Äußersten geführt wird, zum Leben öffnet. Die Mönche von Algerien suchten nicht den Tod, sondern sie wählten frei, beim algerischen Volk zu bleiben, in täglicher Treue, trotz der Gefahr.
Ihre Entscheidung ist zutiefst österlich: Sie gründet in der Überzeugung, dass Leben, das in Liebe gegeben wird, nicht verloren gehen kann. Es wird zu einem Übergang — einem „Pessach“ — vom Selbst-geben hin zu einem Aufblühen, das unsichtbar, aber real ist.
Dies bezeugt Christian de Chergé in seinem geistlichen Testament: „Wenn es eines Tages geschehen sollte — und es könnte heute sein — dass ich Opfer des Terrors werde… möchte ich, dass meine Gemeinschaft, meine Kirche, meine Familie sich daran erinnert, dass mein Leben Gott und diesem Land gegeben war."
Ein Brief Christi
Jeder Mensch übergibt eine Welt, die anders ist als vorgefunden. Er oder sie hat sie mitgeprägt, zum Guten oder nicht. So geschieht immer schon dieses: ‚Du schreibst ein Testament, ob es dir bewusst ist oder nicht‘. Mit Testament ist nicht der Notariatsakt gemeint, sondern eine Art ‚geistig-geistlicher Fußabdruck‘. Auch Christ(inn)en schreiben ein Testament – und zwar mit ihrem Leben: Ihr seid ein Brief Christi, erinnert Paulus die Gemeinde in Korinth (2 Kor 3,3).
Das bedeutet: Wer aus dem Glauben lebt, bietet einen Text, der von der Mitwelt gelesen wird. So gesehen haben wir nicht ein Testament und schreiben wir nicht nur ein Testament (testamentum), sondern sind ein Testament, ein Vermächtnis (testimonium).
Vermächtnis und Lebenszeugnis, das eine interpretiert das andere. Seit 2000 Jahren sind Gemeinden daran, das Testament, das Jesus Christus hinterlassen hat, zu lesen, zu verstehen und danach zu leben. Zur Hinterlassenschaft Jesu zählt der Auftrag, seine Sendung mit unserem Leben weiterzuschreiben.
Lesen Sie in diesen Tagen das Testament von Christian de Chergè, vielleicht einige Male ...
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Christian de Chergé, dessen Testament (im wörtlichen und im übertragenen Sinn) wir heute lesen und zu verstehen suchen, stand in der Nachfolge Jesu. Sein Leben und Sterben war ein lebendiger Kommentar zum Evangelium. Es könnte sein, dass viele Christen im Westen gerade erst dabei sind, das Testament Christians (und d.h. in Folge immer auch: der Mönche von Tibhirine) zu öffnen. Wir beginnen gerade erst, auszuloten, worin das Lebenszeugnis der Mönche von Tibhirine besteht und was es für Christsein und Kirche bedeuten könnte, und zwar auch für ein christliches und kirchliches Leben, das sich in einem völlig anderen historischen und kulturellen Kontext vorfindet als es jener der Kirche Algeriens war und ist. Der Prozess des Deutens hat eingesetzt. Und dieser Prozess kann sehr ergiebig für das eigene Leben werden.
Diese Einstimmung ist aus, Gott im Antlitz des Anderen, Die Spiritualität der Mönche aus Tibhirine, Würzburg 2019, Seite 36 von Martin Kopp, Christoph Benke, entnommen.
Nah am Kreuz
Kurz vor der Entführung hält Christian fest: „Die Inkarnation wurde immerhin durch einen Mord beendet (terminée) – und durch die Erlösung. Das heißt, unsere Befreiung ist geschenkt worden um diesen Preis. Der Mord ist eine Wirklichkeit, die in unserer Heilsgeschichte gegenwärtig ist. Und die Heilsgeschichte geht weiter, die von heute. Und wir sind darin.“
In einer der letzten brieflichen Notizen (vom 22. März 1996) schreibt Christian: „Wir sollen dazu beitragen, der Kirche das neue Gesicht zu geben, bis zum Ende unserer Entäußerungen.“ Aus diesen Notizen geht klar hervor, dass den Mönchen wohl bewusst ist, dass sie sehr nah am Kreuz Jesu stehen.
Jesus geht auf seine Kreuzigung zu im klaren Bewusstsein, dass die Hingabe seines Lebens Frieden zwischen Himmel und Erde stiftet. Und in dem, wie die Mönche ihre letzten 3 Jahre gelebt haben, übersetzen sie diese Heilsgeschichte ins Heute. So wird Tibhirine zu einem Ort nah am Kreuz Christi und somit zu einem Ort des Friedens zwischen Menschen und Gott und zwischen den Menschen untereinander.
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Am Kreuz ist Jesus selbst der heilige Ort; sein Kreuz ist der Ort des Friedens und wir werden dazu berufen, heilig zu sein, indem wir uns in der Nähe seines Kreuzes aufhalten. So ist die Heiligkeit Jesu und die Heiligkeit dieser kleinen Gemeinschaft etwas weit Größeres als bloß „gut“ oder „tugendhaft“ zu sein; es bedeutet, an dem Ort zu sein, an dem Gott durch Christus Frieden zwischen Erde und Himmel stiftet. Für die Mönche von Tibhirine war es klar: In der Nähe des Kreuzes Christi zu sein, bedeutet für sie, bei den Menschen zu sein, für die Jesus gestorben ist; in der Nähe derjenigen, die vergessen sind, die keine Stimme haben, derjenigen, die Heilung, Vergebung und viel Solidarität brauchen. In Tibhirine zu bleiben, war für sie die Nähe am Kreuz.
Eigene "Bekehrung" bleibt Kern
Der Begriff „Bekehrung“ impliziert, dass wir uns selbst „umwandeln“ ( neu orientieren - neu denken) und nicht versuchen, andere zu bekehren, meint Bruder Jean-Pierre Schumacher, einer der Mönche, der bei der Entführung nicht entdeckt wurde. Er erinnert, dass der Kern ihrer Anwesenheit in Tibhirine war, für die Menschen von Tibhirine zu leben, ihre Erfahrungen zu teilen, ihre Freundschaft zu pflegen, gemeinsam auf Gott in Koexistenz zuzugehen. Bruder Jean-Pierre, der am 21. November 2021 im Alter von 97 Jahren starb, erinnert sich weiter, dass die religiöse und kulturelle Identität ihrer Nachbarn zu respektieren und sich mit ihnen zu identifizieren, die Vielfalt von Religion oder Nationalität als die eigene anzunehmen, ein Kernstück ihres Lebens in Tibhirine war.
Darüber hinaus betonte Papst Leo XIV in einer Botschaft an das Treffen der Freundschaft unter den Völkern, das im August 2025 in Rimini stattfand, die Bedeutung einer Ausstellung, die den Märtyrern Algeriens gewidmet ist. „In ihnen leuchtet die Berufung der Kirche, in der Wüste in tiefer Gemeinschaft mit der gesamten Menschheit zu leben und die Mauern des Misstrauens zu überwinden, die Religionen und Kulturen trennen“, und einen Weg der „Präsenz und Einfachheit, des Wissens und des ‚Dialogs des Lebens‘“ zu gehen.
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Aus den Rückmeldungen und Resonanzen zu dieser Einstimmung:
- Der Glaube ist umso authentischer, je mehr seine Kraft aus der Anerkennung jeder Person mit ihrer religiösen Erfahrung wächst.
- Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.
- Am Anfang jeder Beziehung mit Gott steht die Suche Gottes nach dem Menschen.
-
Nicht das Leisten-Müssen führt zum Leben, sondern das Eingehen der Beziehung zu Jesus.
Er erinnerte damit daran, dass die Mission nicht auf die verbale Verkündigung beschränkt ist, sondern sich in einem Leben verkörpert, das bis zur ultimativen Hingabe geteilt wird.
Communio
Zweifellos ist der Prior Christian de Chergé die herausragende Figur von Tibhirine. Seine Homilien, Exerzitienimpulse, Briefe und Tagebucheintragungen zeigen eine kontemplativ-monastische Spiritualität, die ganz in der Bibel und im liturgischen Officium beheimatet, aber zugleich ganz bei den einfachen Leuten der muslimischen Nachbarschaft verortet ist.
Doch die Veröffentlichung mancher Schriften der übrigen Mönche (Briefe, Tagebücher, Gedichte) macht deutlich, auf welch hohem geistlichem Niveau der gesamte Konvent lebte und betete. Freilich: Christian preschte mit seinen Ideen und Initiativen vor. Damit überforderte er nicht selten die anderen Mitglieder der Kommunität.
Aus den Rückmeldungen und Resonanzen zu dieser Einstimmung:
- „Wir empfangen, was wir sind und wir sind, was wir empfangen: der Leib. Christi, des Herrn." – Kern der Eucharistiefeier nach Augustinus, der sich auf Paulus beruft.
- „Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe (koinonia, communicatio) am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe (koinonia, participatio) am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot“
Diese wiederum bremsten Christian und verhalfen ihm so zur notwendigen „Erdung“. So bewegte man sich nach und nach aufeinander zu und wurde mehr und mehr eine Einheit. Als sich die Situation zuspitzte, besprach man die Lage und kam tatsächlich gemeinsam zu einer Entscheidung. Es ist also nicht zu hoch gegriffen: Die Kommunität war Ort der Offenbarung. Koinonia, Communio, Gemeinschaft zählt zur Botschaft von Tibhirine. Die Mönche haben gemeinsam gelebt, sind gemeinsam gestorben – und sind gemeinsam in das Licht gegangen.
Diese Einstimmung ist aus, Gott im Antlitz des Anderen, Die Spiritualität der Mönche aus Tibhirine, Würzburg 2019, Seite 87 von Christoph Benke, entnommen.
Sie "bleiben"
Als die Gewalt in Algerien eskalierte, wurden auch sie aufgefordert, das Land zu verlassen. Doch die Gemeinschaft rang sich dazu durch, zu bleiben. Nicht aus Todessehnsucht, sondern aus Treue: zu Gott, zu ihrer Berufung und zu den Menschen, mit denen sie lebten. Militärischen Schutz lehnten sie ab.
Die Mönche von Tibhirine bleiben – und werden zu Weihnachten 1993 erstmals von islamistischen Rebellen heimgesucht. Sie wollen einen der Mönche, P. Luc Dochier, der als Arzt die Dorfbevölkerung versorgt, mitnehmen. Der Prior kann das verhindern und bietet den Rebellen an, jeden Verletzten im Kloster zu behandeln. Die Gefahr ist groß, doch noch immer ist das Trappistenkloster ein Ort des Friedens.
Für die Beratung bei der Frage „gehen oder bleiben?“ holen sich die Mönche auch P. Armand Veilleux, Generalprokurator des Ordens in Rom. Dieser schreibt im Nachhinein: „Der Aufenthalt war beeindruckend, denn ich hatte noch nie eine Klostergemeinschaft erlebt, die so eng verbunden war wie diese. Sie wussten um die Gefahr. Sie waren keine Verrückten, niemand von ihnen wollte sterben. Aber sie wollten die Menschen in Not, die sie lieb gewonnen hatten, nicht im Stich lassen.“
Aus den Rückmeldungen und Resonanzen zu dieser Einstimmung:
- Wo kann Gott mir in meinem Leben eigentlich begegnen?
- Wodurch kriegt Gott meine Aufmerksamkeit, mein Interesse?
- Muss Gott sich mir fügen und den Platz einnehmen, den ich ihm in meinem Leben gebe?
- Aber was, wenn Gott das nicht mit sich machen lässt, wenn die Ewige da ganz plötzlich irgendwo auftaucht, unerwartet, in einer ganz schwierigen Lage, wo ich lieber das Weite suche?
- Bin ich da bereit, stehen zu bleiben, hinzugehen?
- „Hineni“ ist mehr als ein einfaches „Ja“. Es ist eine Antwort, die Hingabe mit ausdrückt.
Für weitere drei Jahre bleibt Notre Dame de l ‚Altas ein Ort des Friedens zwischen den Fronten. Doch der Bürgerkrieg eskaliert, und die wenigen in Algerien verbliebenen Christen werden immer öfter Opfer tödlicher Anschläge. Der Arzt Luc schreibt 1995 in sein Tagebuch: „Das Kloster ist eine vom Sturm umtoste Insel. Wir halten durch. Gott will nicht das Unglück. Er ist unter den Opfern. Wir können als Menschen nur bestehen bleiben, wenn wir ein Ebenbild seiner Liebe werden.“
Jeder Mensch ist ein werdender Christus
Christian de Chergé (und die Gemeinschaft der Mönche) lebt in starker Gebetsverbundenheit mit den Muslimen und erfährt sein Beten tief motiviert durch ihr Beten. Liebe und Gebet verbinden uns und alle. Christian schreibt, "... der Geist Jesu lässt mich verstehen, dass Beten und Lieben ein und dasselbe sind. Darum hat er mich so gemacht, dass der Himmel über mir offen bleibt, wie bei einem Haus ohne Dach. Ich muss ihm nicht aufmachen; er kommt und wirkt von innen her." Es braucht wesentlich diese kostbare Innensicht des Menschen, in der wir uns und alle als Geöffnete "gemacht" sehen auf Gott hin und zutiefst auch zueinander, um den Prozess der Christuswerdung in jedem und jeder Einzelnen von uns und in uns allen gemeinsam zu glauben und zu erkennen.
Als Getaufte haben wir bewussten und umso verantwortlicheren Anteil an diesem Prozess. Aber er übersteigt uns selbst bei Weitem. Es ist uns Christen aufgetragen und geschenkt, einen jeden Menschen von seinem aus Gott geschaffenenen Herzen her zu sehen und in dieser seiner Würde anzuerkennen und zu lieben, wo und wie immer wir ihm/ihr begegnen.
Aus den Rückmeldungen und Resonanzen zu dieser Einstimmung:
- Christus ist in uns allen, jeder und jedem, die Schöpfungsgestalt, auf die hin jede/r Einzelne von uns wird. Das hat sich in keiner Weise im Lauf der Jahre geändert.
Wie das bei mir selbst werden soll, ist mir immer mehr ein Rätsel, aber ich glaub's. - Jesus ist zutiefst von Gott berührt. Die Menschen haben das gespürt und seine Nähe gesucht.
- Er lädt jeden Menschen in die unmittelbare Beziehung zu sich ein.
- Jesus ist die Einladung Gottes, sich von ihm betreffen und berühren zu lassen, ihm zu begegnen.
- Es geht um eine Begegnung mit dem Wort Gottes nicht nur gedanklich, sondern in der Tiefe meiner Existenz.
- Es gibt so viele andere Schätze, an die ich mein Herz hängen kann, von denen ich abhängig werden kann, die mich so »besitzen« können, dass sie mich hindern, zu leben und in Beziehung mit anderen zu treten.
- Wer sein Leben in ihm verankert, wird frei - frei von der Sorge, sein Leben absichern zu müssen.
Für das Gelingen dieses unseres Christus-Werdens sind selbstverständlich wir Menschen alle, eine jede und ein jeder, ganz auf die unentwegt begleitende und vollendende Zuwendung Gottes angewiesen.
Diese Gedanken sind aus dem Buch: Ebengebürtig - Von der gleichen Würde aller Menschen, von Elmar Mitterstieler, echter Verlag, Würzburg, 2018, Seite 76, entnommen.
Betende Gemeinschaft unter betenden Menschen
Die Wahl von Christian de Chergé zum Prior der Gemeinschaft im Jahr 1984 bringt eine neue Qualität des Dialogs und des Verständnisses des religiösen Reichtums ihrer muslimischen Nachbarn. Christian de Chergé sieht die grundlegende Berufung der Klostergemeinschaft in der überwiegend muslimischen Umgebung Algeriens darin, ‚eine betende Gemeinschaft unter betenden Menschen‘ („priants parmi d’autres priants“) zu sein.
Die neue Qualität besteht darin, dass alles zu einer beständigen gemeinschaftlichen Präsenz und Treue jedes Mitglieds zur demütigen alltäglichen Realität erklärt werden kann, jede Tätigkeit innerhalb des Gartens, von der Küche bis zur lectio divina und hinein zum Stundengebet.
Aus den Rückmeldungen und Resonanzen zu dieser Einstimmung:
- Der Weg zu einer geschwisterlichen Kirche kann nur dort gelingen, wo unser Tun, auch einfache Tätigkeiten des Alltags, sich immer wieder als Ort des Gebetes erfahren wird, als Hinwendung zu Gott: GottesDienst.
Der Dialog, der sich so entwickelt, ist im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet, dass die Mönche niemals die Initiative ergreifen, denn er ist ein existentieller Dialog, das Ergebnis eines langen ‚Zusammenlebens‘ und wächst aus gemeinsamen Anliegen heraus, die manchmal sehr konkret sind. Das bedeutet, dass er selten einen streng theologischen Charakter hat. Die Mönche gehen solchen Engführungen eher aus dem Weg, weil sie nicht weiterführend sind.
Zum Wesen des Dialogs gehört der Bezug auf das Materielle und auf das Spirituelle zugleich, auf das Tägliche und das Ewige. Jede Person, Mann oder Frau, die die Mönche braucht, wird in ihrer konkreten und geheimnisvollen Wirklichkeit ihres Seins als Kind Gottes empfangen, „Denn seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus zu guten Werken erschaffen…“ Eph 2,10
Christophe Lebreton, einer der Mönche, fasst diese Gedanken zu einem einfachen und tiefgreifenden Gebet zusammen:
Den Hunger des anderen sehen
und dir, auferstandener Jesus, vertrauen,
auf das, was ich dir bringe,
so klein es auch sein mag,
sehnsuchtsvoll,
aus der Tiefe nach Liebe hungernd,
Wort der Heilung
gibst du mir,
zu Diener deiner Gabe werde ich,
einfach,
liebevoll.
Tibhirine, am 18. Juni 1995
Ein Ort am Rande
Das Kloster Notre-Dame de l'Atlas in Tibhirine, nahe Médéa (etwa 90 km südlich von Algier), ist ein historischer Ort, der 1938 von Trappistenmönchen gegründet wurde. Umgeben von Muslimen, haben die Trappisten nach und nach verstanden und gelebt, dass wahre christliche Sendung und ein Leben mit, und voll von Gott, nicht im Zentrum der Macht stattfinden, sondern von den „Rändern“ – jenen Randbereichen, in denen „die Gemeinde“ mit den Marginalisierten, den Zweifelnden und dem „Anderen“ in Kontakt tritt.
Aus den Rückmeldungen und Resonanzen zu dieser Einstimmung:
- Jesus beginnt auch am Rande, Leben in Nazareth.
- Der späte Anfang seines öffentlichen Wirkens war im „Galiläa der Heiden“. Oft werden „Andere“ abgestempelt.
- Jesus sammelt „die Abgestempelten“ um sich; Menschen am Rande, die nirgends mehr dazugehören.
- Jesus ist ein „Ausgesetzter“ und sieht, wo Menschen ausgesetzt sind. Er heilt auch die Aussätzigen.
- Golgatha ist nicht nur als einen historischen Ort zu sehen, sondern als ein symbolisches „Randgebiet“ – einen Übergang - eine Grenzüberquerung zwischen Gott und der Menschheit sowie zwischen der Welt der Gewalt und dem Reich Gottes.
- Christ werden täglich aufs Neue zu wagen unter und mit jenen, die keine Stimme haben, keine Gerechtigkeit erfahren, keine Zukunft vor Augen haben, sie be-suchen, im eigenen Leben willkommen heißen.
Diese Perspektive legt nahe, dass christliches Leben darin besteht, zu erkennen, wo Gott bereits aktiv ist, und sich daran zu beteiligen, anstatt lediglich von oben nach unten gerichtete institutionelle Strategien umzusetzen.
In vielfacher Hinsicht haben die Mönche das Leben mit ihren muslimischen Nachbarn geteilt und ihr Haus als Raum des Gebetes und für den interreligiösen Dialog geöffnet. Sie wurden auch gerne zu muslimischen Festen im Dorf eingeladen und sie haben mit Freude daran teilgenommen. Sie haben ihren guten Honig auf dem Markt verkauft und sie haben in jeder Hinsicht das harte Leben der Menschen in Tibhirine geteilt. Luc (im Foto oben, 3. von links) hat die Kranken des Dorfes medizinisch behandelt und mit Medikamenten versorgt. Er ist bis heute dort als „it-toubib“ (der Arzt) bekannt.






